22 Juni 2007

Der Balkon

Vor langer, langer Zeit ging ich eine Straße entlang. Es war ein später Abend im Sommer, die Sonne hatte noch viel Wärme, es war unglaublich schwül, aber trotzdem sehr schön. Mittsommerlich. Ich war auf dem Weg nach Hause, um dort ein paar ruhige Stunden zu verbringen, vielleicht das eine oder andere Bier zu trinken und noch ein wenig auf meinem Balkon in der Spätabendsonne zu sitzen, bevor die Arbeit des nächsten Tages begonnen werden wollte.

Auf der Höhe eines alten Hauses, Sandstein und furchterregende Skulpturen an den Giebeln, hörte ich ein Schluchzen. Ich schaute nach oben, dort war ein Balkon, ebenfalls Sandstein mit schmiedeeisernen Gittern. Zu sehen war nichts, aber das Schluchzen kam eindeutig von dort oben.
Ich blieb noch eine Weile stehen, weil diese Geräusche derart herzzerreissend waren, dass ich es nicht über meines gebracht hätte, einfach weiter zu gehen. Aber ich konnte die Person, die da hörbar litt, nicht sehen. Also setzte ich nach einiger Zeit meinen Heimweg fort.

Trotzdem konnte ich meine Gedanken nicht von diesem Schluchzen lösen. Ich machte mir ein Bild von ihr (für mich war es eine Sie, Männer weinen selten, und wenn, lassen sie es möglichst niemanden hören oder sehen), und ich sah eine Frau, wie ich es bin. Durchschnittlich begabt, durchschnittlich aussehend, normal intelligent, nicht wohlhabend, allein lebend. Vielleicht hatte sie ein paar Locken, vielleicht ganz kurzes Haar, gleichgültig.

Vielleicht hatte sie jemanden erwartet, hatte sich sogar darauf gefreut, diesen Jemand zu sehen. Aber JEMAND hatte abgesagt. Und so saß sie allein auf diesem Balkon, eine Flasche Bier in der Hand und genügend Vorrat neben sich, schluchzte und litt. Möglicherweise hätte sie einen schönen Abend haben können, wenn sie sich nicht so sehr auf diese besondere Person gefreut hätte. Vielleicht hätte sie Kamillentee getrunken nach einer langen und anstrengenden Woche statt literweise Bier. Vielleicht hätte sie gelächelt im Schlaf, statt betrunken ins Bett zu fallen. Vielleicht hätte sie eine Möglichkeit gesehen, glücklich zu werden, statt ferne Sterne zu suchen. Vielleicht wäre sie tanzen gegangen, statt auf ihrem Balkon zu weinen.

Ich kann nicht sagen, was aus dieser Person, die ich vor fast zwei Jahren weinen hörte, geworden ist. Ich wünsche ihr Glück. Niemand sollte weinen müssen. Niemand sollte traurig sein müssen. Niemand sollte sich zwingen müssen, "gut drauf" zu sein. Das Leben ist viel zu wertvoll, um es nicht zu leben. Es ist zu wertvoll, um es stehlen zu lassen. Es ist zu wertvoll, um es freiwillig hinzugeben.

Leben ist wert, darum zu kämpfen.

Wenn ich die Frau auf diesem Balkon wäre, würde ich kämpfen. Um Glück. Um Leichtigkeit. Um Liebe.
Und wenn ich dafür gegen jemanden kämpfen müsste, der mir all das verwehrt, könnte ich auch töten. Trotz meiner frischgewachsenen Locken.

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