24 Januar 2007

Die Zehnerkarte

5. Januar
Liebes Tagebuch!
Zu Weihnachten hat mir meine beste Freundin Susanne eine Zehnerkarte für den Fitnessclub, in dem sie auch trainiert, geschenkt. Das finde ich großartig! Ich wollte in diesem Jahr sowieso Sport treiben und abnehmen und werde gleich damit loslegen. Morgen habe ich einen Termin bei Sven, dem Trainer. Und Susanne sagt, nach dem Termin kann ich gleich noch mit ihr zum Bauch-Beine-Po-Kurs gehen, das würde das Gerätetraining optimal ergänzen. Ich freue mich so!


6. Januar
Sven sieht großartig aus, hat eine tolle Figur und war sehr nett zu mir. Mein Trainingsplan wird etwa 90 Minuten dauern, hat er gesagt, und dass ich ruhig nach dem Gerätetraining noch eine Stunde oder so aufs Laufband gehen kann, um überschüssiges Fett abzubauen. Der Bauch-Beine-Po-Kurs hat auch sehr viel Spaß gemacht. Ich kam zwar mit den Schritten noch nicht richtig klar und habe erst gegen Ende der Stunde begriffen, dass ich nicht alle Bewegungen der Trainerin nachmachen muss (Wenn sie zum Beispiel mit den Fingern über ihrem Kopf herumfuchtelt, heisst das, sie zählt, wie lange man einen bestimmten Schritt noch machen soll.), aber ich habe ganz hinten gestanden und bin hoffentlich nicht so aufgefallen. Die Trainerin war sehr hübsch und schlank und schien sich überhaupt nicht anzustrengen. Selbst nach 100 Kniebeugen hat sie noch gelächelt und geschrien.
Ich kann heute meine Arme nicht richtig strecken, und es fällt mir schwer, aufzustehen, wenn ich eine Weile gesessen habe, aber es geht mir so gut!


8. Januar
Susanne hat angerufen, dass sie mich in einer Stunde zum Training abholt. Ich habe sie gefragt, ob ich nicht besser warten soll, bis mir nichts mehr wehtut. Sie hat gelacht und gesagt: "Sei doch froh, dann weißt Du wenigstens, was Du getan hast!"
Eigentlich hätte ich heute recht viel zu tun, aber ich habe mir vorgenommen, sportlich zu werden, und Susanne meint es ja nur gut mit mir. Sie hat auch gleich gesagt, dass wir nach dem Gerätetraining heute zwei Kurse mitmachen wollen, irgendwas mit Hanteln und StepAerobic. Das wird bestimmt großartig, und ich freue mich auf einen sportlichen Nachmittag!
Hoffentlich kann ich meinen Trainingsplan noch.


9. Januar

Ich bin mir gar nicht mehr so sicher, ob Susanne es wirklich gut mit mir meint. Bei meinem Trainingsplan hat sie mir zwar geholfen, aber immer, wenn Sven nachschauen kam, hat sie ihn angeflirtet. Dabei habe ich ihr gesagt, dass ich ihn toll finde! Und bei ein paar Geräten hat sie heimlich das Gewicht erhöht, glaube ich.

Die Kurse waren interessant. Der erste, der mit den Hanteln, war wahnsinnig anstrengend. Ich sollte gleichzeitig meine Arme und meine Beine bewegen, dabei lächeln, atmen und die Hanteln nicht fallenlassen. Das ist ganz schön viel auf einmal! Die Kurstrainerin, Maria hieß sie, war nicht so nett wie die vom Bauch-Beine-Po-Kurs, sie hatte so einen Kasernenhofton und grinste ununterbrochen. Dabei gibt es doch wirklich nichts zu lachen, wenn man Menschen so quält!

Der zweite Kurs war dann etwas zu anspruchsvoll für mich. Ich hatte gerade herausgefunden, wie man unfallfrei auf dieses Brett steigt und ohne Stolpern wieder herunterkommt, da rannten die anderen schon wild herum, drehten und hüpften und hatten anscheinend keine Probleme, all die fremden Wörter zu verstehen, die die Trainerin in den Raum brüllte. Ich kam mir schon ein bißchen blöd vor, aber Susanne zuliebe bin ich geblieben. Ich muss sie unbedingt fragen, warum sich die Trainerinnen so oft auf den Kopf hauen.

Heute musste ich mich jedesmal festhalten, wenn ich auf Toilette gegangen bin, denn meine Beine hatten überhaupt keine Kraft mehr, und jeder einzelne Muskel da drinnen tat höllisch weh. Wenn das nicht besser wird, leihe ich mir für ein paar Tage das Gehwägelchen von meiner Großmutter aus. Haare kämmen ging auch nicht; ich kann meine Arme nicht anheben. Aber ich will heute auch nirgendwohin, und im Büro habe ich mich krank gemeldet.


12. Januar
Wochenende! Gestern war ich ganz allein im Fitnessclub. Eigentlich wollte ich ja nur in die Sauna, weil ich immer noch solche Schmerzen habe, aber Sven hat mir aufgelauert und mich zur Trainingsfläche geschleppt. "Heute schaffst Du doch das doppelte Pensum, ist ja Wochenende!" sagte er und grinste. Ich glaube, der Typ hält sich für unwiderstehlich. Naja, wer auf diese Muskelfuzzis steht...
Ich konnte leider nicht weg, weil Sven die ganze Zeit am Eingang herumlungerte, und so habe ich fast zwei Stunden trainiert. Irgendjemand muss übrigens heimlich an meinem Plan etwas geändert haben, die Gewichte sind schon wieder schwerer geworden.
Als ich mich aus dem Gerätebereich Richtung Umkleideraum schleppte, kam mir Maria entgegen, die blöde Ziege vom Hantelkurs. "Du hast uns noch gefehlt! Wir brauchen drei Teilnehmerinnen, damit der Kurs heute stattfinden kann, und Du bist die Dritte!" Ich konnte nicht mehr fliehen und wurde von Maria und zwei dieser arroganten Hupfdohlen in den Kursraum geschleppt. "Wir machen PowerAerobic." sagte sie, und schon ging es los. Vor und zurück, mit und ohne Drehung, hinten, vorne, meine Beine verknoteten sich, Hirn- und Atemtätigkeit setzten zeitweise komplett aus. Dauernd kam mir jemand entgegen, dabei waren wir ja gar nicht soviele.
Nach 45 Minuten sagte Maria dann, dass wir jetzt noch Bauch machen würden. Das ist vielleicht eine Sklaventreiberin! Kaum lag ich auf dem Rücken und konnte wieder atmen, da stand sie vor mir, blickte von ganz oben auf mich herab und kommandierte "Rücken runter, atmen, Kinn zur Brust, ja willst Du denn ein Sixpack oder nicht, und noch 8, 7, 6...!" Ich hasse Maria und bin sicher, sie ist nur deshalb Trainerin geworden, weil sie für ein Studium der Zahnmedizin zu blöd war und es den Beruf des Folterknechts nicht mehr gibt.
Nach drei Stunden wankte ich mit letzter Kraft zu meinem Auto und war sehr froh über die ferngesteuerte Zentralverriegelung, denn ich hätte niemals den Schlüssel ins Schloss bekommen, so wie ich zitterte.
Zuhause habe ich mich erst in die Badewanne gelegt und bin dann gleich ins Bett gegangen. Den Stecker meines Telefons habe ich sicherheitshalber herausgezogen für den Fall, dass Susanne, diese miese Schlampe, anruft und mit mir zum Training will.
Nein, es geht mir überhaupt nicht gut!

13. Januar
Heute nacht habe ich von Sven und Maria geträumt, sie waren riesengroß, standen vor meinem Bett und schrien mich an, ich sollte gefälligst zum Sport kommen. Sie hatten grünen Sabber im Mundwinkel, und ich konnte ihre Fangzähne sehen. Dann bin ich schweißgebadet aufgewacht.
Aus dem Bett kam ich dann nach mehreren Fehlversuchen, indem ich
erst meine Bettdecke auf den Fußboden schob, mich dann auf die Seite legte und vorsichtig nach unten gleiten ließ. Irgendwie konnte ich meine Beine nicht strecken, aber nachdem ich eine Weile auf allen Vieren durch die Wohnung gerobbt war, ging es etwas besser, und ich zog mich vorsichtig am Spülbecken in der Küche hoch.
Überhaupt sind die alltäglichen Verrichtungen unglaublich schwer, wenn man solche Schmerzen am ganzen Körper hat: Meine
Zähne kann ich nur putzen, wenn ich sie auf die Zahnbürste lege und meinen Kopf hin- und herbewege. Im Büro benutze ich die Behindertentoilette, wegen der Haltegriffe rechts und links, und die Treppe komme ich nur hoch und runter, wenn ich jeweils ein Bein festhalte und auf die nächste Stufe stelle. Alle machen sich über mich lustig.
Irgendjemand hat vorhin einen Witz erzählt, und ich wäre beim Lachen fast gestorben, so sehr tut mein Bauch weh.
Ich werde nie wieder mit Susanne reden, und den Rest meiner Zehnerkarte verschenke ich an jemanden, den ich nicht leiden kann.

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