16 Mai 2007

Ausgestiegen

Unterschiedliche Wahrnehmungsweisen, eine Geschichte, erzählt von Person A, kommt bei Person B so an, dass A nach erfolgter Rückmeldung nicht mehr sicher ist, ob von der gleichen (derselben??? konnte ich nie unterscheiden...) Geschichte die Rede ist. Interpretation. Bestätigt meine These von der nichtvorhandenen Welt und erleichtert mir das Leben ungemein. Bedeutet allerdings auch, dass bei 7% Inhalt, die innerhalb einer Kommunikation beim Gegenüber ankommen, entweder unglaublich viel gesprochen werden muss, um die Quantität des Inhalts zu erhöhen (7% von 1.000 Wörtern ist deutlich mehr Inhalt als 7% von 50 Wörtern - und wenn man dann bedenkt, dass das Durchschnittspaar pro Tag nur noch 4 Sätze wechselt, müssen das sehr, sehr lange Sätze sein) oder dass sehr viel Gestik, Mimik und Tonalität eingesetzt werden sollten.

Dann allerdings stellt sich ein weiteres Problem: Sollte ich meine nonverbalen Signale bewußt wählen, damit mein Gegenüber mich versteht? Kann ich das überhaupt? Und was ist, wenn Signale ankommen, die ich gar nicht aussenden wollte? Ich erinnere da an die etwas eigenwillige Interpretation eines sehr lieben Freundes hinsichtlich erweiterter Pupillen bei Frauen: Hat sie große Pupillen, will sie Sex. Hat sie kleine Pupillen, will sie auch Sex, lügt aber. Bei einem derartigen Wahrnehmungsfilter hat Mimik keine Chance!

Wie komme ich darauf? Ein Traum, dessen Inhalt so bei mir angekommen ist: Er sitzt in meinem Auto, und ich fahre wie die berühmte gesengte Sau. Ist soweit noch nicht realitätsfern, obwohl ich feststelle, dass ich inzwischen auch den defensiven Fahrstil beherrsche. Wichtig ist mir Bewußtheit über das, was ich tue. Manchmal entscheide ich mich eben bewußt für eine eher offensive Fahrweise, lege Rammstein oder Scooter ein und gebe die wildgewordene Northeimerin; unterstützt durch das deutschlandweit berüchtigte Kennzeichen NOM beanspruche ich eine gewisse Narrenfreiheit für mich. Bin ja nicht von hier. Aber ich schweife schon wieder ab. Also: Er sitzt in meinem Auto, und ich fahre sehr offensiv. Er bittet mich um eine angepasste Fahrweise, was ich ignoriere. Er steigt aus.

Jetzt komme ich zum Interpretationsteil. "Großartig!", denke ich, denn ich sehe einen Fortschritt. Statt sich meine Fahrweise weiter anzutun und dabei möglicherweise höchst unangenehme Gefühle zu entwickeln, steigt er aus und läßt mich weiterfahren. Ich halte das auch im übertragenen Sinne für eine wunderbare Lösung, denn ich werde mich irgendwann beruhigen und möglicherweise wieder zurückkehren, um ihn einzusammeln. Er kann derweil entspannt seinen Geschäften nachgehen oder im Straßencafé sitzen, das es dort, wo er ausgestiegen ist, bestimmt geben wird. Alle Teile sind zufrieden: Er muss sich nicht meinen Anfällen von Raserei aussetzen, sich möglicherweise sogar für mich verantwortlich und damit logischerweise schlecht fühlen, ich muss mich nicht bremsen.

Soweit zu meiner Interpretation. Eine weitere Möglichkeit ist, den Traum als schrecklich zu empfinden, weil es eine Trennung gibt. Er ist ja ausgestiegen und damit erstmal weg.

Gerade verspüre ich Lust, diesen Traum noch in andere mögliche Welten zu übersetzen. Der von mir häufig bespöttelte Northeimer würde möglicherweise denken "Boah, geil, endlich kann ich wieder die Musik aufdrehen!", eine überbesorgte Mutter könnte "Oh Gott, ich wußte doch, dass sich das Kind irgendwann totfährt!" sagen. Frauen mit Behütezwang (meine Sicht auf die Welt!) würden überhaupt nicht auf die Idee kommen, IHN aussteigen zu lassen. Das wäre ja, als ob sie sich weigerten, die Tomaten für ihn zu schneiden! Die "Hardcore-Emanze" würde sich möglicherweise darüber aufregen, dass er es überhaupt wagt, ihren Fahrstil in Frage zu stellen. Ein umweltbewußter Mensch wäre angesichts der drohenden Klimakatastrophe entsetzt über die Verschwendung von Ressourcen und riete mir, mit der Bahn zu rasen. Die Töchter meiner Vermieter würden juchzen und quietschen und sich in die Kurven legen.

Ein Traum. Trotzdem entscheide ich mich heute bewußt für einen friedliebenden und klimaschonenden Fahrstil, werde Rammstein zuhause lassen, stattdessen Zucchero hören und mit einem freundlichen Lächeln im Gesicht auch den Schnarchtatzen vor mir "Friede sei mit Dir" hinterherrufen.

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